© Anke Schulz

"Die Ortsgruppe als Siedlungszelle"

Über Siedlungsprojekte der Nationalsozialisten in Lurup und Osdorf

Die Nationalsozialisten förderten gezielt den Zuzug von Menschen, die sie als systemfreundlich einstuften. Aus einem Schreiben des Altonaer Oberbürgermeisters 1936:
"In der Stadt Altona wird die Aussiedlung aus dem enggebauten, ungesunden Stadtkern in die 1927 eingemeindeten Vororte, die noch einen verhältnismäßig ländlichen Charakter haben, mit Eifer und Nachdruck betrieben. Am stärksten wurde bisher der Raum Osdorf-Lurup von der Siedlungstätigkeit betroffen. Hier entstanden schon in den Notjahren 1929-1932 im Wege der Selbsthilfe ausgedehnte wilde Siedlungen, von denen die größten Osdorf-Nord und Osdorf-Mitte sind. Nach der Machtergreifung wurde die Aussiedlungsbewegung durch Zusammenwirken von Bauverwaltung und Baupolizei in geordnete Bahnen geleitet. Es erging das Verbot weiterer Wohnlaubenbauten, die Sanierung der vorhandenen wilden Siedlungen wurde in die Wege geleitet, und man begann mit Geländeerschließung, Straßenbauten u. dergl." (Staatsarchiv Hamburg, Sozialbehörde I)
Für die Siedlerstellen, die nach 1933 geschaffen wurden, wurden Familien ausgewählt, die arisch, streng nationalsozialistisch, frei von Erbkrankheiten und auf keinen Fall asozial galten. Zu diesem Zwecke mussten Fragebögen ausgefüllt werden und wurden alle verfügbaren relevanten Daten von den entsprechenden Behörden erhoben. Für die Gestaltung der Siedlungen wurde vom Hamburger Reichsstatthalter ein "organisches Wachstumsprinzip" mit dezentraler und "volksnaher" Verwaltung, "natürliche Wachstumszellen" wie "Kindergarten", "Jugendvolkheim", "Gemeinschaftshaus", einer "luftangriffsicheren Gliederung" und "Aufmarschgelände" entwickelt. Dadurch sollte es zu einer "Wiedergewinnung einer neuen Volksgemeinschaft" kommen, die die Probleme der "geschichtlich gewordenen Großstadtform mit ihren ausgesprochenen Arbeiterquartieren" überwinden sollte. Während am Hamburger Großneumarkt das historisch gewachsene Arbeiterviertel, das Gängeviertel, kaputt saniert wurde, sollten in den Stadtrandbezirken und Landregionen nationalsozialistische Volksgemeinschaften entstehen. Die Behörden versuchten die Entwicklung der Einwohnerstruktur gezielt zu kontrollieren. Alle zum Verkauf anstehenden landwirtschaftlichen Flächen mussten der "Grundstücksverkehrsbekanntmachung" (GVB) zur "Verteilung an Umsiedler" "zur Festigung deutschen Volkstums" gemeldet werden. Diese Form staatlicher Kontrolle galt jedoch für Moorgebiete nicht. Diese Gebiete waren frei verfügbar. Hier konnten sich noch in der Kriegszeit Menschen ansiedeln, die nicht mit staatlicher Unterstützung rechnen konnten. Gezielt gefördert wurde beispielsweise 1935 eine vorstädtische Kleinsiedlung auf dem vordem landwirtschaftlich genutzten Gelände zwischen Grubenstieg und Lupinenweg unter der Schirmherrschaft der "Gemeinnützigen Kriegersiedlung der Nationalsozialistischen Kriegsopferversorgung GmbH", die Siedlerlisten aus der Zeit vor der Machtergreifung wurden annulliert und die Siedlerstellen erneut ausgeschrieben. Die neuen Anwärter auf die zehn Siedlerstellen mussten zum Nachweis ihrer "erbbiologischen Eignung" ein ärztliches Zeugnis vorlegen: Außerdem mussten es "kinderreiche Familien" sein. Ein Luruper erinnert, dass seine Schwiegermutter als alte Frau erzählte, wie sie als Hochschwangere vor dem Amtsarzt Kniebeugen machen musste, um ihre Erbgesundheit nachzuweisen. Erst danach bekam die Familie die Siedlerstelle zugewiesen. Unter den Familienvätern der Siedler waren vom Maschinengehilfen bis zum Werkmeister und Angestellten vor allem Kleingewerbetreibende und Handwerker vertreten. Die fünf Häuser bekamen ein Ziegelmauerwerk, Holzfußböden und Anschluss an die städtische Wasserleitung. Sie wurden 1935 mit Hilfe von Darlehen aus Reichsmitteln finanziert. Die Gesamtkosten betrugen laut Kalkulation pro Siedlerstelle 4000 RM, 1650 RM wurden als Darlehen gewährt, der Rest musste von den Anwärtern selbst aufgebracht werden. Mit anderen Baugemeinschaften wurde nicht so zuvorkommend verfahren. Die Eidelstedter Siedlung Hembarg e.V. bekam 1934 erst eine Siedlungsgenehmigung, nachdem der Siedlungsverein sich dazu bereit erklärt hatte, mit 230 Mk pro Familie für die "Schul- und Kirchenlasten" der Gemeinde aufzukommen. "Zweck und Ziel des gegründeten Vereins ist die Erweckung des Sparsinns durch kollektive Zusammenarbeit aller Siedler (Nachbarschaftshilfe)" Diese Siedler waren einfache Gewerbetreibende. Auch in den Kriegsjahren entstanden in Lurup und Osdorf Siedlungen. 1944 wurden von der Gemeinnützigen Baugenossenschaft und der neuen Heimat "im Gau Hamburg" in Osdorf, Eidelstedt und Lurup ca. 1250 "Behelfswohnungen" errichtet, so am Wischofsweg und am Osdorfer Weg.

Der Architekt Konstanty Gutschow entwickelte das Konzept einer nationalsozialistischen Siedlungspolitik. Die NS-Ortsgruppe wurde zur Siedlungszelle, sie war hierarchisch strukturiert, dem nationalsozialistischen Menschenbild einer arisch reinen erbgesunden Herrenrasse verpflichtet, Blut und Boden bildeten eine Einheit. Die Schaffung eines Bauernadels war erklärtes Ziel. Damit gewannen wahrscheinlich. auch die Bauernfamilien in Lurup, vor allem die wohlhabenderen Führungspersönlichkeiten, eine wichtige Bedeutung. Sicherlich ließen sich nicht alle Landwirte von diesen Schmeicheleien, dem Leistungsanspruch und dem Gesundheitsgebot verführen. Die Bildung einer Herrenrasse sollte aus dem als rassisch besonders gesund geltenden Bauernstand erfolgen. Alle Landwirte mussten Mitglied im Reichsbauernstand sein, alle landwirtschaftlichen Genossenschaften wurden gleichgeschaltet.

Plattenbauten im Kleiberweg für ausgebombte »arische« Hamburger Familien

Nach den Luftangriffen auf Hamburg, vor allem den schweren Angriffen des 24. und 25. und des 29. Juli 1943 wurden viele durch die Zerstörungen obdachlos gewordene Hamburger an die Außenrandgebiete der Stadt evakuiert. Viele der Ausgebombten kamen bei Verwandten unter, in Kleingartenvereinen, oder in Behelfsheimen. Die Nationalsozialisten begannen nach den Großangriffen auf Hamburg im Kleiberweg und im Friedrichshulder Weg Unterkünfte aus fertigen Zementplatten bauen zu lassen, sogenannte Plattenbauten, die ausgewählten ausgebombten Familien zur Verfügung gestellt wurden. In einer Anordnung heißt es: "Die Einweisung der Bombengeschädigten in die Wohnungen erfolgt in der Reihenfolge der Dringlichkeit; Angestellte und Arbeiter der Rüstungsindustrie gehen vor." Diese Sondermaßnahmen reihten sich ein in zahlreiche Fördermaßnahmen zugunsten der Bauindustrie nach den Bombenangriffen durch die Alliierten, den aus Sicht des Reichsministers für Bewaffnung und Munition, Albert Speer, und des Reichskommissars für den sozialen Wohnungsbau, Dr. Ley, "völkerrechtswidrigen Terrorangriffen der feindlichen Luftwaffe". Der Reichskommissar für den sozialen Wohnungsbau hatte Sondermaßnahmen zur Schaffung von Behelfsunterkünften für Bombengeschädigte erlassen, für eine "schlagkräftige Durchführung" sollten die Gemeinden die "Bauhilfe, Gemeinnütziges Organ der Deutschen Arbeitsfront" "Bauhöfe" auf geeigneten Freiflächen errichten lassen. Die »Bauhilfe« vergab weitere Aufträge an Bauunternehmen. Vor allem in den Landgemeinden Hamburgs wurden "Leybuden" errichtet, nach Dr. Ley benannte Fertigbauhäuser. Aus den noch erhaltenen NS-Akten geht hervor, dass aufgrund des Arbeitskräftemangels 1944 von den Kreisverwaltungen und Ortsämtern Bevölkerungsgruppen dienstverpflichtet wurden, die als Arbeitsunfähige schon vor langer Zeit aus dem Erwerbsleben ausgeschieden waren. So war es gemäß dem nationalsozialistischen Menschenbild auch folgerichtig, dass Zwangsarbeiter, KZ-Häftlinge und Militärinternierte diese Bauten errichten mussten. Im Kleiberweg in Lurup wurden Plattenbauten von Frauen aus dem Konzentrationslager am Friedrichshulder Weg, einem Außenlager des KZs Neuengamme, und von italienischen, möglicherweise auch französischen Militärinternierten unter unmenschlich grausamen Bedingungen erstellt. Eingesetzt wurden diese Menschen wahrscheinlich von dem Unternehmen Johann H. Johns, Kom. Ges., einem Tiefbau- und Straßenbauunternehmen, das seinen Sitz etwa dort hatte, wo sich heute das Schwimmbad an der Elbgaustraße befindet. Die damalige Adresse des Hauptsitzes des Unternehmens befand sich An der Alster 42. Das Unternehmen existiert heute nicht mehr.


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