Biographische Erinnerungen von Rosa Ludwigsen

Rosa Ludwigsen lebte als junge Frau mit ihrer Familie von 1954 bis 1959 in Nissenhütten und Baracken auf dem ehemaligen Gelände des DAF Zwangsarbeiterlager in der Lederstraße. Ihre schriftlichen Erinnerungen zeigen die Härte der Lebensumstände nach dem Ende des 2. Weltkrieges.
© Copyright und alle Urheberrechte für Text und Foto liegen bei Frau Rosa Ludwigsen.

Leben im Nissenhütten-Lager

Im Dezember 1952 lernte ich meinen Mann Werner kennen. Er wohnte bei seinen Eltern in Stellingen im Nissenhütten-Lager Volksparkstraße.
Die Familie war im Sommer 1943 zur Goldenen Hochzeit der Großeltern in Dollerupholz/Angeln eingeladen. Während dieser Tage erfolgten die Groß-Angriffe auf Hamburg und zerstörten auch das Haus in Hammerbrook, in der
die Familie gelebt hatte. Mein Schwiegervater fuhr unter schwierigsten Umständen nach Hamburg zu-rück. Er wollte sehen, was mit der Wohnung geschehen ist, musste aber auch zu seiner Arbeitsstelle bei Blohm & Voss (Flugzeugbau) zurück. Das Wohnhaus war, wie so viele andere auch, dem Erdboden gleichgemacht. Keine persönliche Habe war mehr zu finden.

Meine Schwiegermutter blieb mit den vier Kindern einige Wochen bei Verwandten, bis die Familie im Nachbardorf eine Wohnung fand. Der gesamte Hausstand musste neu angeschafft werden (Möbel und Kleidung auf Bezugsschein, viele Dinge steuerten auch Verwandte und Freunde bei).
Es waren schwierige Jahre: der Vater in Hamburg fand irgendwo eine Bleibe, die Mutter hatte sich allein um die vier Kinder zu kümmern.
Nach Kriegsende stellte meine Schwiegermutter viele Anträge beim Hamburger Wohnungsamt in der Hoffnung, wieder zurückkommen zu können. Die Familie war zerrissen, die Eheleute litten unter der Trennung.
Die Wohnungsnot war riesig, vielen Menschen erging es ähnlich. Hinzu kamen die vielen Flüchtlinge, die irgendwo untergebracht werden mussten.
Im Sommer 1949 bekam die Familie eine Nissenhütte angeboten mit dem Vermerk, wenn sie die nicht nehmen würden, müssten sie bleiben, wo sie sind. So kam die Familie in einer Nissenhütte auf dem Lagergelände des ehemaligen Zwangsarbeiterlagers wieder zusammen.

Das Lager bestand aus ca. 140 Nissenhütten und vielen Baracken, die Lebensbedingungen waren sehr schwierig. Die Hütte meiner Schwiegereltern war in 3 Räume aufgeteilt. Links und rechts der Eingangstür waren je ein Fenster. Durch die Haustür kam man gleich in die Küche, in der sich das tägliche Leben abspielte. Im zweiten Zimmer war das Schlafzimmer der Eltern und der zwei jüngeren Geschwister. Ein Fenster in einer Gaube gab etwas Licht. Und im dritten Raum war das Wohnzimmer mit 2 Fenstern. Hier schlief auch Werner. Der älteste Bruder war in Angeln bei Verwandten geblieben, da er eine Lehre als Tischler begonnen hatte.
Es gab zwar Strom in jeder Hütte, doch Wasser musste von einer Zapfstelle in ca. 50 Meter Entfernung geholt werden (es war ein ständiger Streitpunkt in der Familie, wer Wasser zu holen hatte). Das Schmutzwasser wurde vor der Hütte ausgegossen und versickerte.

Den Menschen standen, verteilt auf dem großen Gelände, einige Toiletten-Baracken mit „Plumpsklos“ zur Verfügung, in denen es gewaltig stank. Ein Klo war immer für mehrere Familien gedacht und so fühlte sich niemand so richtig zuständig für die Sauberkeit. Mein Schwiegervater baute an die Nissenhütte einen kleinen Holzverschlag, in dem nun ein eigenes Plumpsklo Platz fand.

Im März 1954 haben Werner und ich dann geheiratet. Unser Sohn Nico hatte sich ‚angemeldet‘. Wir waren 19 und 20 Jahre alt. Werner hatte l Jahr vorher seine Ausbildung abgeschlossen und ich konnte zum 1.April meine Lehre beenden. Wir fühlten uns wie ein nichts, wir hatten nichts.
So bin ich dann mit in die Nissenhütte eingezogen. Es sollte von kurzer Dauer sein, denn uns waren eigene vier Wände in einer der Baracken versprochen worden. Diese kleine „Wohnung“ konnten wir dann im August, kurz vor der Geburt unseres Kindes, beziehen und nach und nach einrichten. Meine Schwiegermutter hatte mir angeboten, auf das Baby aufzupassen, damit ich meinem Beruf als Stenotypistin nachgehen konnte. Wir brauchten jeden Pfennig und unser Bestreben war, so schnell wie möglich aus dem Lager herauszukommen.

 

Den Bewohnern des Lagers wurde mit viel Skepsis und Vorurteilen begegnet.
Einmal wurde in der Bildzeitung vom „Zigeunerlager“ gesprochen, in dem es zu einer Gewalttat gekommen war. Ich selbst kann mich nur an eine einzige „Zigeuner-Familie“ erinnern. Von mir wusste kaum jemand, wo und unter welchen Umständen wir lebten. Zu groß war meine Angst vor Diskriminierung.

Die tägliche Versorgung mit Lebensmitteln und anderen Bedarfsartikeln war schwierig. Zwar gab es in einer der Baracken einen kleinen Krämerladen, doch für spezielle Dinge mussten weite Wege in Kauf genommen werden. So gab es am Ende der Volksparkstraße und in der Kieler Straße kleinere Geschäfte (auch dort waren noch überall die Kriegsschäden zu sehen). In guter Erinnerung ist mir ein Textilgeschäft geblieben, in dem meine Schwiegermutter kaufte. Die Inhaberin war sehr nett und verständnisvoll. So war sie z.B. mit Ratenzahlungen einverstanden, wenn das dringend Benötigte nicht sofort bezahlt werden konnte.

Da wir beide berufstätig waren, Werner Schichtarbeit leisten musste und viele Überstunden machte, konnten wir uns einen Baukostenzuschuss zusammensparen und so 1959 in Altona eine eigene kleine Wohnung beziehen.

© Foto Rosa Ludwigsen
Nissenhütten im Lager Volksparkstraße/Lederstraße 1951

 

© Rosa Ludwigsen

Weitere Informationen über die Situation der Flüchtlinge nach 1945 in Schleswig Holstein siehe
http://www.geschichte-s-h.de/vonabisz/fluechtlinge.htm

 

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