Biografische Erinnerungen
von Uwe Scheer

Erinnerungen an Schenefeld in Holstein (1940 bis 1946)
und Hamburg-Lurup ab 1946

© Uwe Scheer

Heute, am 14. Januar 2003, einem grauen trüben Wintertag, sitze ich hier in Lensterstrand in der Gemeinde Grömitz an der Ostsee und beginne zum zweiten Mal so etwas wie eine Biografie – also biografische Aufzeichnungen. Wieso das zweite Mal? fragt sich der unbefangene Leser dieser Zeilen. Vor über 30 Jahren bin ich mit eben so einer Biografie angefangen; ich war noch Junggeselle. Aber hatte in meinem 30-jährigen Leben schon 15 Berufsjahre hinter mir und hatte allerhand erlebt. Glaubte ich jedenfalls. Wenn ich jedoch zurückblicke und die gesamten 60 Jahre nehme, ist mit fast 20 Jahren das Berufsverbots-Verfahren das entscheidende Erlebnis in meinem Leben. Natürlich die Heirat 1971, die Geburt unserer Söhne Andre (1972) und Rene (1974) nicht zu vergessen. Wegen dieser letztgenannten Umstände ist wohl auch die angefangene Biografie beiseite gelegt worden und schmort irgendwo wohl noch in der Papierflut. Man hat schließlich Wichtiges zu tun. Nämlich arbeiten, sich der Familie erfreuen und den anderen Interessen nachgehen. „Ordentliche Aufzeichnungen“ habe ich erst mit 15 Jahren und einem jährlichen kleinen Kalender angefangen, die seitdem in einem Schuhkarton schmoren.

Der eigentlich erneute Anstoß zum Neuanfang dieser Biografie kam mit dem Erscheinen des Buches von Anke Schulz „Fischkistendorf Lurup“, das Ende 2002 im VSA-Verlag, Hamburg (ISBN 3-87975-892-1) erschienen ist und einen Teil meiner Kindheitserinnerungen enthält.

Ebenso enthält das schon 1988 erschienene Buch „Eine Hamburger Arbeiterin“ von Elfriede Bornholdt, das vom Museum der Arbeit in Hamburg herausgegeben wurde, Erinnerungen an die Zeit in Lurup. Beide Bücher empfehle ich dem interessierten Zeitgenossen und Mitstreitern aus der Zeit zu lesen. Denn die Darstellung der so genannten kleinen Leute wird hier realistisch beschrieben und deckt sich bei Weitem nicht bei anderen Büchern ähnlicher Zeitbeschreibungen.

Nun zur Zeit in Schenefeld in Holstein. (Es gibt zwei Schenefeld in Schleswig-Holstein, die hin und wieder verwechselt werden.) Dort, nahe Hamburg, wurde ich am 4. Januar 1940 geboren. Schenefeld war damals ein kleines Dorf an der Stadtgrenze zu Hamburg. Zum Teil noch mit reetgedeckten Bauernhäusern bestanden. Schleswig-Holstein war damals eine preußische Provinz. Es war erst 1864 nach dem Krieg Österreichs und Preußens gegen Dänemark zu Deutschland gekommen. Genauer erst 1871 während des Deutsch-Französischen Kriegs und nach der Gründung des Deutschen Reiches durch Bismarck in Versailles. Der kurze Traum von einer demokratischen Republik wurde in dem bekannten Revolutionsjahr 1848 von dem Menschen zwischen den Meeren nur wenige Monate geträumt. Wie 1918 ging auch damals der Funke von Kiel, der Hauptstadt des Landes, aus. Nach der Niederlage kamen die Holsteiner und Schleswiger wieder unter dänischer Oberhoheit. Das war das Land schon seit dem Jahr 1460 und dem Vertrag von Ribe (Ripen). „Up ewig ungedeelt“ hieß es damals in Bezug auf die Herzogtümer Schleswig und Holstein und war eng mit dem dänischen Königshaus verbunden. Über Schenefeld und die anderen Gemeinden und Städte liegen alte Urkunden immer noch im Staatsarchiv in Kopenhagen. Als 1990 die sogenannte Wiedervereinigung zweier deutscher Staaten erfolgte, haben wir in der Familie mehr aus Jux mit den Kindern „Heim ins Reich“, nämlich ins Dänische Reich, mit kleinen weißen-roten Fähnchen, dem Danebrog, gespielt ... Doch wir sind ja überzeugte Anhänger der Republik!
Heute ist Schenefeld, das vor einigen Jahren zur Stadt erhoben wurde, ein aufstrebender Vorort von Hamburg, der eigentlich wegen seiner geografischen Lage hätte längst eingemeindet werden müssen. So wie 1927 das frühere holsteinische Dorf und heutiger Hamburger Stadtteil Lurup zunächst zur Stadt Altona und 1937 dann zu Hamburg kam (Groß-Hamburg-Gesetz). Sicher werden eines Tages Hamburg und Schleswig-Holstein ein Bundesland werden!

Ich wohnte von der Geburt an bis 1946 mit meinen Eltern im Haus Altonaer Chaussee Nr. 2, unmittelbar an der Hamburger Stadtgrenze und dem schon genannten Stadtteil Lurup. Vor unserem Haus war die Buskehre der Hamburger Hochbahn Gesellschaft (HHA), die nicht nur Buslinien betreibt, sondern heute noch U-Bahnen (seit 1912), früher auch Straßenbahnlinien und Alsterdampfer ihr Eigen nannte. Auch noch heute fahren die Busse entweder bis hier hin zum Engelbrechtsweg oder bis nach Schenefeld wie damals in den 40er Jahren.
Die 40er Jahre. An was erinnert man sich als Kind zuerst? Schwer zu sagen.
Am 1. September 1939 war der Krieg von Hitler und der Nazidiktatur vom Zaune gebrochen worden und zunächst in Polen einmarschiert worden. Auch mein Vater wurde eingezogen. Vorher war er schon beim „Reichsarbeitsdienst“ gewesen, der insbesondere die arbeitslosen Jugendlichen zu Zwangsarbeit für sogenannte Notdienstarbeiten rekrutierte. Meine Eltern waren nicht in der Nazipartei oder anderen nazistischen Organisationen. Meine Mutter war froh, dass sie schwanger war und nicht zum BdM (Bund deutscher Mädchen) musste. Sie hat bis zu meiner Geburt bei der „Schmirgel“, den Norddeutschen Schleifmittelwerken Christiansen & Co., an der Luruper Hauptstraße gearbeitet. Dies Werk gibt es noch heute am angestammten Platz.
Die ersten Konzentrationslager wurden bereits 1933 für alle diejenigen eingerichtet, die v o r 1933 vor der faschistischen Herrschaft gewarnt hatten. („Wer Hindenburg wählt, wählt Hitler. Und wer Hitler wählt, wählt den Krieg“ – so eine KPD-Losung. Das waren vor allem Kommunisten und Sozialdemokraten. Bis 1939 waren schon über eine Million Deutsche im KZ. Friedhofsruhe an der Heimatfront.

Man erinnert als Kind von ein, zwei Jahren zunächst sicher an die unmittelbare Umgebung, die man als neues Erdengeschöpf nach und nach entdeckt und in Besitz nimmt. Das Haus, das heute noch steht und mit einem Garten umgeben ist, gehört damals der Frau Knoblauch, genannt „Noni“. Wir hatten eine Parterrewohnung. Vorne sah man auf die Straße, auf die der Altonaer Chaussee und der Kehre des Busses. Da muss das Schlafzimmer gewesen sein, dann folgte die Wohnstube und dann die Küche. In der Küche gab es kein fließend Wasser,
eine Pumpe draußen auf dem Hof verrichtete ihre Dienste. Es gibt viele Fotos aus der damaligen Zeit dazu, die meine Erinnerung ergänzen. Elektrizität war vorhanden. Der Ofen wurde, wie damals üblich, mit den üblichen Heizmaterialien wie Brikett, Kohle, Koks usw. beheizt, wenn vorhanden. Auch hatten wir ein Radio, den damals aus Propagandazwecken massenhaft hergestellten sogenannten „Volksempfänger“, bei einigen war am Bakelitgehäuse das Hakenkreuz angebracht. In den letzten Jahren, wohl 1944/45, hörten meine Mutter und „Noni“ mit verdunkelten Fenstern BBC und wohl andere „Feindsender“.

Meinen Vater erlebte ich nur sporadisch, wenn er „Fronturlaub“ hatte und einige Tage nach Schenefeld kam. Als er als Kriegsversehrter, sein linker Arm war durchschossen worden und lahm, 1945 aus amerikanischer Gefangenschaft und aus einem Lazarett aus Tennessee kam, kannte ich ihn nicht mehr wieder. Ich weiß wie heute noch, als er mit einem großen Seesack nach Haus kam und ich vor einem mir unbekannten Mann stand, der mein Vater sein sollte. Vielleicht ist seitdem auch das Verhältnis immer etwas kühl geworden. Aber mein Vater hatte keine leichte Jugend; er wurde wohl von seinem Vater oft verprügelt. Er war der Älteste von acht Geschwistern. Er hatte Maurer gelernt und musste nun nach dem Krieg etwas Neues lernen. Doch zunächst versuchte er sich nach einer Umschulung als Bauführer, doch 1946/47 gab es nicht viel zu bauen!
Überhaupt der Krieg hatte ja unser Leben ganz anders gestaltet, als sich das meine Eltern (und alle anderen Menschen damals auch) 1937 vorstellten, als sie heirateten und in Bahrenfeld feierten. Natürlich waren meine Eltern schon damals nicht unpolitisch.
Mein Vater hat von 1929 bis 1932 Maurer bei der Firma .... gelernt.
Er war Mitglied in der Sozialistischen Arbeiterjugend (SAJ) geworden, der sozialdemokratischen Jugend. Damals lernte er auch Fritz Wartenberg kennen (später Druckerei-Inhaber der Wartenberg & Söhne), der ab 1946 jahrzehntelang die Arbeitsgemeinschaft Jugendweihe Groß-Hamburg e.V. geleitet und die Zeitung „Der freie Blick“ herausgeben hat. Er ist 2002 fast 100 Jahre alt geworden, ein Nachruf erschien von mir im Rundbrief der Freidenker. Doch das ist eine andere Geschichte. Im Jahre 1932 trat mein Vater in die Kommunistische Partei (KPD) ein – ohne den Umweg über die Kommunistische Jugendorgansation KJVD, wie er betonte. Er war Mitglied in der KPD-Zelle „Am Winsberg“ in Bahrenfeld gewesen. Auch will sich mein Vater „journalistisch“ mit einem in der Hamburger Volkszeitung (HVZ) veröffentlichten Brief betätigt haben. Es ging um den damaligen Altonaer Bürgermeister Max Brauer.
Noch am 30. Januar 1933, also in diesen Tagen vor 70 Jahren, so erzählte er später immer wieder, habe er mit den anderen jungen Genossen der SAJ, des KJVD und jungen Mitgliedern der Sozialistischen Arbeiterpartei (SAP) in Bergedorf gegen die Übertragung der Macht an Hitler und seiner Nazipartei durch Präsident Hindenburg (und seine Hintermänner) bei eisigem Wetter protestiert. Und er fragte wiederholt, wo waren die alten Genossen, wo waren die Massen, die eigentlich auf ein Signal gewartet haben. Und noch einer Begebenheit entsann er sich. Auf dem Bau auf Sylt, wahrscheinlich Kasernenanlagen, habe er noch mit andern Kollegen 1935 die „Internationale“ gesungen. Welch Leichtsinn von jungen Bauleuten damals – hätte nur einer geplaudert, was wäre geschehen? Auch in Bahrenfeld, an der Steenkampsiedlung und anderen Bauten an der Bahrenfelder Chaussee, hatte er mitgebaut; er zeigte uns oft die Häuser, wenn wir von Lurup „in die Stadt“ in Richtung Altona fuhren.

Nach diesem Abdriften, das aber zur Geschichte gehört, noch einige konkrete Erinnerungen an das Haus in Schenefeld. Auf dem Hof hinter dem Haus gab es einen großen Schuppen in der Größe eines alten bäuerlichen Heuschuppens. Dort war ein großer Schäferhund, der mir zunächst wie ein Ungeheuer, wie ein Tiger, vorkam und laufend bellte. Vielleicht deshalb heute noch meine Vorsicht vor Hunden und andern Tieren. Obwohl wir nach 1946 in Lurup lange ein einen Schäferhund hatten, mit dem ich gut auskam. Auch sollte ich in dem nahe gelegenen Kindergarten in Schenefeld aufgenommen werden . Doch ich muss mich so gewehrt haben, dass ich nach drei Tagen, so meine Erinnerung, von meiner Mutter wieder abgemeldet und abgeholt worden bin. Schade eigentlich. Ich hätte sicher meine Minderwertigkeitskomplexe eher abbauen können und mich mit anderen Kindern anfreunden können. Schließlich war ich ja bis dahin ein Einzelkind. Als ich 1946 eingeschult wurde, kam mir der Gedanke, warum ich nicht so sein kann wie andere Jungen, die sich durchsetzen konnten und nicht auf den Mund gefallen waren. Glaubte ich jedenfalls. Ich lebte doch, von der Mutter behütet, recht zurückgezogen und ohne viele Spielkameraden. Aber dafür las ich viel und hörte viel Radio. Obwohl die Fotos mit den verwandten Cousins und Cousinen von Mamas Seite – Herta, Ilse, Inge, Helmuth – einen lustigen Knaben zeigen. Überhaupt, die Fahrten und der Aufenthalt bei Tante Elli, Herta und Ilse zusammen teilweise mit Tante Grete und Inge während der Kriegszeit in Tornesch (Kreis Pinnberg) im Haus Grevenberg (heute Sitz der Bürgermeister) waren von besonderer Qualität. Eingestiegen im Bahnhof Elbgaustraße (Verschiebebahnhof/ heute Reparaturstelle für die ICE-Züge) ging es über Pinneberg nach Tornesch. Vielfach im Winter zur Weihnachtszeit an gefrorenen und überschwemmten Wiesen vorbei ging es mit dem Dampfzug nach Tornesch. Dort fuhr die noch eine Kleinbahn dampfend nach Uetersen und zurück. Dort habe ich manche schöne Weihnachten verbracht. Dort gab es sogar fließend Wasser, was mich herausforderte, immer wieder das Wasser laufen zu lassen. Viele Spiele wurden von meinen älteren Cousinen veranstaltet. Das Schattenspiel, in dem eine Operation dargestellt wurde. Es wurden Werkzeuge wie eine Schere und andere merkwürdige Dinge aus dem Bauch gezaubert. Das war für mich unheimlich und zugleich faszinierend. Wie im Bilderbuch.

Erinnerungen an den Krieg und seine Folgen muss ich wohl seit 1943, seit den Bombardement auf Hamburg, mitbekommen haben. Meine Mutter fuhr ins brennende Altona, um den Großvater in der Schumacherstraße nahe der Allee zu suchen. Mit dem Fahrrad, ich saß vorne im Korb, sah ich die brennenden Ruinen und die Leichen auf der Straße vor dem Haus. Natürlich versuchte meine Mutter mir als Dreijährigem zu erklären, dass das, was dort auf der Straße liegt, Puppen wären. Natürlich war es strengsten verboten, in die bombardierte und brennende Stadt zu fahren. Doch es ging ja um den Vater von meinem Vater und die Ungewissheit, ob er noch lebt! Er ist über 80- jährig 1971 gestorben. Doch auch draußen vor Hamburgs Toren in Schenefeld macht sich der Krieg immer wieder bemerkbar. Gegenüber unserem Haus war ein Luftschutzbunker. Immer wieder wurde ich von den Sirenen nachts aus dem Schlaf gerissen, um dann mit meiner Mutter und den andern Menschen über die Straße zu laufen und in den Bunker zu steigen. An Metallstiegen ging es in den Untergrund unter der Straße und dort saßen wir Kinder mit unseren Müttern und alten Menschen und warteten auf die Entwarnung . Als es hieß, dass selbst Bunker nicht mehr sicher vor Bomben der alliierte Streitkräfte wären, hat meine Mutter einen provisorischen Bunker im Keller unseres Hauses eingerichtet, wo wir Gemüse und andere Lebensmittel aus dem Garten meines Großvaters aus Lurup aufbewahrten. Dorthin, zum Vater meiner Mutter, zu Opa Jahn, sind wir während der Kriegszeit öfters gegangen oder mit dem Fahrrad gefahren.
Der Garten, ca. 1000 qm, war in dieser schlechten Zeit der Lieferant von Obst und Gemüse. Wohl dem Hamburger, der einen Garten hatte! Diese Gärten, später als organisierte Kleingartenvereine bis 1961 existent, wurden vor 1933 von vielen Hamburger Arbeits- und Obdachlosen aus größter Not eingerichtet.
Hier war ein Teil des „Fischkistendorfes Lurup“, das später auch „Klein Moskau“ hieß.

Meine Cousine Herta und ihr Mann Wilfried wohnen heute in Uetersen und Stapelholm. Ilse, Helmut, der Bruder Heinrich („Heini“), die Schwestern Elli, Gretel und meine Mutter Ida als Nesthäkchen sind gestorben.
Inge wohnt mit Harry in Schweden und Irmgard wohnt mit ihrem Mann in Australien. Und Alfons und seine Frau Annemarie wohnen in Frankreich.

Heute fährt kein Dampfzug mehr; gibt es eine ausgebaute Straße, die in die Rosenstadt Uetersen führt . Rosen, das ist das Stichwort für eine Unternehmung, die bis heute noch existiert. 1945, unmittelbar nach dem Krieg, machte meine Mutter einen kleinen Blumenladen im Haus Altonaer Chaussee auf. Der vorhandene Schweinestall wurde umgebaut und es wurde ein Blumenladen eröffnet. Wie lange wir den Laden hatten, weiß ich nicht mehr genau. Er muss wohl bis Jahresende 1946 von meiner Mutter betrieben worden sein. Ich habe heute noch den Duft der Rosen in der Nase, wenn wir körbeweise die Blumen von Uetersen oder sonst woher geholt haben. Alles mit Bus und Bahn; Autos gab es nicht. Jedenfalls nicht für Leute wie meine Eltern. Mein Vater, so erzählte später meine Mutter, mochte es nicht so gern, dass meine Mutter selbständig ist und ein Ladengeschäft unterhält. Doch irgendwo musste damals ja das Haushaltsgeld herkommen.

In Schenefeld wurde ich die dortige Grundschule Blankeneser Landstraße eingeschult . An dieser Schule war ich als Erstklässler von April 1946 bis Dezember 1946. Dann zogen wir nach Lurup. Vor Weihnachten 1946 zogen wir nach Lurup, weil mein Großvater über 80-jährig gestorben war und wir das Holzhaus im Kleingartenverein „Kiebitzmoor“ bezogen.
An einige wenige Begebenheiten aus der Schenefelder Schulzeit erinnere ich mich. Zunächst ärgerte sich meine Mutter, weil das obligatorische Foto mit der Schultüte im Arm vor einem Hintergrund aufgenommen worden ist, der nicht schön aussah. Es war auf dem Hof hinter unserem Wohnhaus (s. Foto). In der Schule selber kann ich mich an ein ältliches Frollein erinnern, der Name ist mir entfallen, die einmal im Unterricht mir mit einem Lineal auf die Finger klopfte und ich blutete. Erziehungsmethoden, die noch aus der eben erst zu Ende gegangen Nazizeit stammen. Doch wie viele Lehrer haben im Westen Deutschlands diese Methoden weitergeführt? In der damaligen Ostzone und späteren DDR wurden wohl gerade deshalb über 90 Prozent der Lehrer „ausgetauscht“, d. h., nazibelastete Lehrer mussten sich einen anderen Beruf suchen. Und das einem Schüler im ersten Schuljahr. Dabei war ich ein Leben lang so artig. Im Betragen, diese Kopfnote soll wieder eingeführt werden, hatte ich immer eine EINS gehabt. Eine eher heitere Erinnerung habe ich an die Busfahrten vom Engelbrechtsweg, also von der Haltestelle vor der Haustür, nach Schenefeld. Wiederholt drückten wir (?) Schüler auf dem Knopf zum Halten – ohne dass wir aussteigen wollten. Eines Tages wurde es einem Busfahrer zu wild und er schmiss uns kurzerhand aus dem Bus. Und wir mussten bis nach Hause laufen. Mindestens eine halbe Stunde, wenn nicht mehr.
Wie war für mich der Krieg zu Ende? Die Engländer besetzten im Mai 1945 Hamburg und auch Schleswig-Holstein wurde zur britischen Besatzungszone. Im selben Jahr wurde auch Preußen als Hort des deutschen Militarismus per Kontrollratsbeschluss von den vier Alliierten aufgelöst. Vor unserer Haustür waren Engländer mit Gewehren zeitweilig postiert. Ich hatte wohl auch ein Holzgewehr. Wir tauschten für eine Minute unsere Waffen, mein „Gewehr“ gegen das Gewehr eines englischen Soldaten. Kann man sich eigentlich gar nicht vorstellen; so habe ich es aber in Erinnerung. Und das erste Englisch lernte ich dort mit der Frage “Have you chocolate?“ kennen. So etwas kannten wir ja nicht im Krieg und es hat Jahre gedauert, bis unser Vater einmal in der Woche „Blockschokolade“ mit nach Hause brachte!


2. Teil: Die Luruper Jahre (1946 – 1968)

Mein Großvater mütterlicherseits, Opa Jahn, war am .... 1946 gestorben und ist 80 Jahre alt geworden, wie schon erwähnt – genau so alt wie mein Großvater Opa Scheer väterlicherseits, der 1971 gestorben ist. Ich hoffe so alt zu werden wie meine Großväter – natürlich möglichst gesund. Bei meiner Mutter an der Hand bin ich ins Altonaer Krankenhaus an der Allee gefahren und habe ihn kurz vor dem Tode besucht. Ich weiß noch, dass ich ihm Kekse gegeben habe. Als er starb, habe ich nicht an der Trauerfeier teilgenommen; ich war wohl noch zu klein und kam mittags aus der Schule, als die Trauergäste an diesem Tag zu uns nach Lurup kamen. Mein Großvater , also Opa Jahn, soll das „schwarze Schaf“ in der Familie gewesen sein. Er stammte aus Rostock und soll 8 Jahre Kühe gehütet haben. Später hatte er am Altonaer Fischmarkt einen Grünhökerladen. Dort in der Breiten Straße haben sich meine Eltern schon als Kinder kennengelernt. Vorher wohnten sie noch in Garstedt (heute Norderstedt) – dort ist meine Mutter geboren – und an der Este.
Das Holzhaus, in dem wir nun wohnten, war in der schweren Zeit der Erwerbslosigkeit 1932 errichtet worden. Wie oben schon berichtet, so wie dieses einfache Holzhaus waren viele dieser Häuser im Kleingartenverein Kiebitzmoor und anderen Kolonien, wie sie in dem eingangs erwähnten Buch von Anke Schulz beschrieben werden.
In diesem Haus mit einem Garten von 1000 qm und drei großen Tannen am Weg wohnten meine Großmutter, die ich nicht mehr kennengelernt habe – verstorben 1937 – und mein Großvater. Später wohnte in einem kleinen Raum noch eine ältere Frau namens Hamann. Oma Hamann musste im Sommer immer zur Ernte nach Tatenberg in den Vier- und Marschlanden. Also weit weg. Sie wohnte noch einige Jahre bei uns, bis sie starb. Dieser Raum war mein erstes eigenes Zimmer und mein kleines Reich. Es hatte mit einer Doppeltür einen separaten Ausgang zum Garten. Der Wert des Hauses wurde geschätzt auf ...... . Diese Summe wurde durch drei geteilt; zu gleichen Teilen mussten meine Eltern die Schwestern von meiner Mutter, meine Tanten Elli und Herta auszahlen.

Zunächst gab es kein fließend Wasser und kein elektrisches Licht. Das hatten wir wenigstens in Schenefeld gehabt. Also musste die alte Petroleumleuchte weiter ihren Dienst tun. Im eisigen Winter 1946/1947 haben wir, d. h. mein Vater und ich, von einer Zapfstelle nahe dem Bahnhofs Elbgaustraße Wasser in Waschkesseln auf einem selbst gebauten flachen Schlitten geholt. Sehr mühsam! Doch ich glaube es war 1948, da kamen auch die Elektrizität und das fließende Wasser zu uns. In dieser Kleingartenkolonie haben wir bis zur Auflösung der Kolonie im Jahre 1961gewohnt. Es war Pachtland und es war eine relativ günstige Pacht zu zahlen. Unsere Miete betrug danach – d. h. in einer neuen Wohnung in Lurup – in einem Monat ungefähr so viel, wie wir ein ganzes Jahr Pacht gezahlt haben. Große neue Wohngebiete entstanden Anfang der 60er Jahre und viele Kleingartenanlagen mussten weichen. Ich habe noch die Erfolgszahlen im Kopf, wie viel Wohnungen jedes Jahr wieder in Hamburg gebaut worden sind. Es müssen bis zu 20 000 Wohnungen zu jener Zeit gewesen sein. Bausenator war damals Paul Nevermann, der spätere Bürgermeister Hamburgs.
Wir, das waren nicht nur meine Mutter, mein Vater und ich, sondern inzwischen ein kleines Schwesterliebe namens Rosmarin – eine Nachzüglerin, wenn man so will. Durch den Krieg konnten meine Eltern wie Millionen andere Menschen auch nicht in diesem Alter eine normale Ehe führen (s. 1. Kapitel Schenefeld).
Doch unser Vater war aus dem Krieg wieder gekommen, wenn er auch verwundet und schwerkriegbeschädigt blieb. Rosemarie wurde am 5. Mai 1947 geboren. Ich war damals schon sieben Jahre alt und Schüler. Sie weiß heute noch, dass ich als alter Schüler nach ihrer Einschulung mit dem großen Abstand zu meiner kleinen Schwester in der Schule wohl Probleme gehabt habe. Kommunikationsprobleme, wie man heute wohl sagt.
Die gemeinsame Schule war die Haupt- und Grundschule Luruper Hauptstraße. Später hießt sie „Praktische Oberschule“; es gab noch nach einer Schulreform in Hamburg die „Technische Oberschule“ mit der mittleren Reife und die „Wissenschaftliche Oberschule“ mit dem Abitur. Also das bekannt dreigliedrige Schulsystem damaliger und heutiger Art. Gesamtschulen gab es noch nicht. Allerdings gingen die Schüler bis zur 6. Klasse gemeinsam zur Schule.
Erst der sogenannte Blocksenat (CDU/FDP/BHE/DP) mit dem Bürgermeister Sieveking (1953–1957) schaffte das ab nach dem Motto „Selektieren statt fördern“.
Ich schaffte es leider nicht, den dreitägigen Test um Aufnahme in einer der weiterführenden Schulen erfolgreich zu bestehen. Obwohl ich an diesen Tagen besonders sorgfältig meine Hände gewaschen habe! Meinen Eltern habe ich davon überhaupt nichts erzählt. Mein Vater war Klassenvertreter; er wird es sicher mit- bekommen haben, dass ich nicht auf eine weiterführende Schule zu gehen brauchte. Überhaupt war ich in diesen Jahren sehr für mich alleine und wenig mit anderen Kindern zusammen. Mehr ein Eigenbrötler, der viel las und viel Radio hörte. Doch wenn ich mit anderen Kindern vor allem bei uns im Garten spielte, soll ich immer kommandiert haben. Aber dafür war meine Schwester viel frecher!
Wir hatten auch einen Klassenlehrer, an den wir gemeinsame Erinnerung haben. Es war Walter Bein, der ...... verstorben ist (s. Foto). Ein engagierter Neulehrer, den ich – soweit ich mich erinnern kann, von Anfang bis zum Ende meiner Schulzeit (1955) in Lurup in den meisten Fächern hatte und der unser Klassenlehrer war. Er war lange Jahre Vorsitzender des Luruper Sportvereins und ledig.
Bis auf Religion hat er alle Fächer unterrichtet. Aus dem Religionsunterricht, der in Hamburg damals nicht zensiert wurde und nur mit „teilgenommen“ oder „nicht teilgenommen“ sich im Zeugnis wiederfand, habe ich mich selber abgemeldet. Als „Ersatzunterricht“ wurden wir in anderen Klassen, sogar in höheren Mädchenklassen, „untergebracht“. Oder wir konnten früher nach Hause.
Wir waren, nachdem auch in Hamburg die Koedukation Einzug hielt, zusammen mit Mädchen in einer Klasse. Das muss wohl 1948 gewesen sein. Damals bekamen wir auch neue Schulmöbel. Vorher hatten wir noch die uralten mit Klappe in der Bank und einem Tintenfassloch. Diese Tische und Stühle wurden so gestellt, dass immer zwei Tische quadratisch zusammengestellt wurden und somit vier Schüler quasi ein Team bildeten, und das bunt in den Raum gestellt. Es gab keinen Frontalunterricht mehr. Der Lehrer ging von Tischgruppe zu Tischgruppe und unterhielt sich mit den Schülerinnen und Schülern. Es war, so mein Eindruck, ein menschlicheres Lernen möglich. Später jedoch wurden die Tische wieder in Richtung zur Tafel und zum Lehrerschreibtisch platziert.
Stand: 4. 2. 2002 /Korrgierte Fassung Juni 2010
© Uwe Scheer

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