© Dieter Rednak
Erinnerungen an das Wohnwagenlager im Stellinger Moor

 

Zur Vorgeschichte

Mit meiner Familie kam ich im April 1957 als Zehnjähriger nach Hamburg.
Wir waren damals vier Geschwister: außer mir gehörten der 12-jährige Klaus, der gerade 7-jährige Andreas und die 18-jährige Brigitte dazu.
Während unser Vater (1) den Beruf eines Postkartenmalers ausübte und sich nicht scheute, seine eigenwilligen Kreationen direkt von Tür zu Tür verkaufen zu gehen, betätigte sich unsere Mutter als Hausfrau und war vollends damit beschäftigt, die Familie, so gut es eben ging, zu versorgen.
Im Sommer des Jahres 1948 hatten beide eine schöne, waldreiche Gegend am Fuße des Erzgebirges verlassen, um im Westen eine neue Heimat zu finden. An der holländischen Grenze bot man ihnen schließlich eine Notunterkunft in einem Franziskaner Kloster an.

Im Jahre 1952 musste das Aufnahmelager allerdings geräumt werden, da die Mönche den verständlichen Wunsch geäußert hatten, nach einer siebenjährigen Unterbrechung in den zur Verfügung gestellten Räumen nicht nur die seelsorgerische Arbeit wieder aufzunehmen, sondern auch die pädagogische Tätigkeit im angeschlossenen Gymnasium erneut beginnen zu lassen.
In dieser Situation traf unser Vater eine recht ungewöhnliche, aus heutiger Sicht vielleicht als „alternativ“ gepriesene Entscheidung: er suchte weder einen festen Arbeitsplatz noch eine bezahlbare Wohnung. Stattdessen erwarb er einen Wohnwagen, um sich fortan seinen Traum vom freien, ungebundenen Leben zu erfüllen und mit uns durchs Land zu ziehen. Und da wir weder eine Zugmaschine noch ein Pferd zur Verfügung hatten, nahm er gern das Angebot einer Schaustellerfamilie - die erst wenige Jahre zuvor als Sinti aus einem Konzentrationslager befreit worden war - an, ließ unser kleines Gefährt hinter ihres spannen und sorgte so dafür, dass deren Zugmaschine beide Wagen bequem durch das flache ostfriesische Tiefland kutschieren konnte, obwohl das museumsreife, laut knatternde und nach Schmieröl stinkende Unikum nur in Schrittgeschwindigkeit voran kam.

Das Leben war damals zwar eigenartig und gewiss nicht immer romantisch, aber für uns Kinder, die wir noch ohne Fernseher, Radio und Strom, ohne Kühlschrank, Zentralheizung und Waschmaschine und ohne den Luxus eines Bades oder gar eines eigenen Zimmers aufwuchsen, auch interessant gewesen: In freier Natur herum zu toben, auf Bäume zu klettern, Straßen gefahrlos als Fußballplätze umfunktionieren zu können, freilebende Tiere, z.B. Füchse, Rehe und Hirsche aber auch Wildschweine, Blindschleichen und Kreuzottern in freier Natur erleben zu dürfen und Heizmaterial, sowie Beeren und Pilze selbst im Walde zu suchen, dass alles würde heute Tränen der Rührung in die Augen so mancher Reformpädagogen treiben.
Die regelmäßig anfallenden Kosten hielten sich noch in überschaubaren Grenzen, zumal einige Landwirte bereit waren, uns mit Eiern, Brot und Milch zu beschenken oder für wenige Tage eine Arbeit auf dem eigenen Hof anzubieten. Und unsere Schausteller bewiesen, dass auch der heimische Igel gelegentlich den Speiseplan bereichern konnte…

Klaus und Dieter 1952 bei der Kartoffelernte © Foto Dieter Rednak

 

Nach einiger Zeit stellte es sich aber heraus, dass dieses interessante, ereignisreiche Leben auf Dauer Probleme aufwarf, die von uns nicht so ohne weiteres verdrängt werden konnten: schließlich unterlagen wir noch für einige Jahre der allgemeinen Schulpflicht.
In Bremen kam es deshalb 1953 zur Trennung von den freundlichen Reisegefährten. Während sie weiterhin im Rhythmus ihres Jahrmarktkalenders lebten, bezogen wir von 1954 bis 1957 einen Wohnwagenplatz in der Stadt, umgeben von den Trümmerbergen, die der letzte Krieg hier zurückgelassen hatte.


Der Verfasser dieses Artikels bei seinen Schularbeiten im Sommer 1956. Im Hintergrund erkennt man rasch hochgezogene Neubaugebiete, und über die Trümmer hat sich bereits eine karge Vegetation ausgebreitet.

© Foto Dieter Rednak

Die zahlreichen Wohnwagen und Behelfsunterkünfte innerhalb Bremens waren den Hanseaten an der Weser auf Dauer unangenehm. Und so wurde uns schnell signalisiert, doch endlich weiterzuziehen. Gemeinsam mit der Familie eines befreundeten Maurers verließen wir deshalb die Stadt und zogen mit unseren Wagen an die Elbe.

Hier, in der Neustadt, erhielten wir einen Platz zugewiesen, der gerade von seinen Trümmern freigeräumt und schnell von zahlreichen Wohnwagen in Besitz genommen wurde, obwohl man sanitäre Einrichtungen vergeblich suchte: das nötige Trinkwasser lieferte eine nahe Kneipe kostenlos, und die heute noch vorhandene öffentliche Toilette auf dem Großneumarkt war zwar gute 300 Meter entfernt, aber sie musste für unsere Bedürfnisse reichen.

 

Wohnwagenplatz an der Straße „Hütten“.

Auf der linken Seite erkennt man die
Fassade des A. Ph.-Schuldt-Stifts.

© Foto Dieter Rednak

 

Der Umzug ins Stellinger Moor

Wie in Bremen, so hatte man auch in der Freien und Hansestadt längst Pläne entwickelt, um die zahlreichen Wohnwagenplätze aus der City endgültig zu verbannen und an einem unauffälligen Platz zusammenzufassen. Hierzu eignete sich das Stellinger Moor, am Rande des Hamburger Volksparks, in hervor-ragender Weise. Schließlich hatten schon die Nazis den Wert des einsam gelegenen Areals erkannt und dort einen „Zigeunerplatz“ errichten und sogar diverse Erschießungen durchführen lassen. (2)

Da die Wohnwagenlager angeblich das Stadtbild „verschandelten“, verlangte im September 1958 der Bezirksausschuss Mitte von der Hamburger Bürgerschaft eine Änderung der bestehenden Gesetze, damit zukünftig eng bebaute Gebiete zu „Sperrbezirken“ für diese fahrbaren Unterkünfte erklärt werden konnten. Und da sich die Bezirke Mitte und Altona bereits darauf geeinigt hatten, sollten alle Wagen der Stadt ins Stellinger Moor gebracht werden. Mit einem Kostenaufwand von 30 000 Mark wollte man hier einen Lagerplatz provisorisch einrichten lassen.
Zu dieser Zeit gab es allein im Bezirk Mitte 36 Stellplätze mit insgesamt 300 Wagen. In Altona kamen weitere 200 Wagen hinzu. In den übrigen 5 Bezirken waren es dagegen nur 150 gewesen. Das heißt, in ganz Hamburg gab es damals 650 Wohnwagen mit mehr als 2 000 Bewohnern, die jetzt alle umquartiert werden sollten. (3)

Mit nur 30 000 Mark wollte man einen Platz herrichten lassen, auf dem es keinerlei sanitäre Einrichtungen gab. Als wir im Herbst 1957 dort eintrafen, war auf dem Gelände lediglich ein Plumpsklo mit jeweils fünf Aborten - für Männer und Frauen getrennt – vorhanden, und ein einziger Wasseranschluss sollte für einige hundert Menschen ausreichen.
Auf die plattgewalzte Sandfläche wurde später kokshaltiger Schotter grob verteilt und einige Laternen aufgestellt, die das weitläufige Areal allerdings nur unzulänglich ausleuchteten. In der Mitte des Geländes kam schließlich noch ein weiteres Klo mit 3 Becken und einem Wasserhahn hinzu. Das war alles!

Nun war es aber schwieriger als am Reißbrett geplant, die Leute zu bewegen, ihre alten Plätze zu räumen und die Kosten für den erzwungenen Transport auch noch aus der eigenen Tasche zu bezahlen. Das Hamburger Abendblatt schrieb, dass die Bewohner nach der neuen Verfügung auf die anderen Plätze umsiedeln müssten:
Die Räumung wurde unter Polizeischutz durchgeführt. In der Presse wurde es so dargestellt, dass die Bezirksbeamten bedroht worden seien, wenn sie ohne Polizei erschienen. Diese Schwierigkeiten seien jetzt beseitigt worden. "Die Polizei ist bereit, in jedem Fall Schutz zu stellen." Nach der Räumung der innerstädtischen Plätze sperrten die Behörden auch alle anderen Plätze im Innenstadtbereich, als einzige Möglichkeit blieb der Umzug ins Stellinger Moor. Die bereits geräumten Plätze sollten umzäunt werden. Im Hamburger Abendblatt heißt es::
"Ein Problem aber bleibt bei der Zwangsräumung. Die Bezirke finden kaum einen Unternehmer, der den Abtransport übernimmt. Die Lagerbewohner bedrohen nicht nur die Transportarbeiter, sondern sie wollen auch nichts bezahlen. Meistens greifen die Bezirksämter in die Kasse. Fast 400 Mark kostet der Transport eines einzigen Wagens. Wagen, die keine Räder mehr haben, werden abgebrochen.“ (4)

Interessant ist der Hinweis, dass Wagen ohne Räder einfach abgebrochen wurden. Unwillkürlich fragt man sich: wo kamen denn die Menschen, die bisher dort gelebt hatten, nun hin? Wahrscheinlich in eine Obdachlosenunterkunft, die für die meisten wohl ein noch tristeres Leben als das in einem Wagen ohne Räder in Aussicht stellte.
Die geplante Ansammlung vieler hundert Wohnwagen auf einer relativ kleinen Fläche führte damals zu scharfen Protesten im Ortsauschuss des Bezirks Eimsbüttel. Es hieß dort, man könne nicht „asoziale Elemente“ mit „wohlanständigen Menschen“ zusammenwerfen, da so in der Nähe von Wohngebieten „Slums“ entstehen würden. Diese Maßnahme, so ließen einige Abgeordnete verlauten, würde den Bürgern von Schilda zur Ehre gereichen. (5)

Im Frühjahr 1959 wurde das neue „Wohnwagengesetz“ vor allem deshalb zügig durch die parlamentarischen Gremien gepeitscht, weil 145 polnische Sinti und Roma nach Hamburg gekommen waren und die Zahl der Menschen, die in der Stadt in einem fahrbaren Gefährt hausten, auf etwa 3 000 erhöht hatten. Das neue Gesetz sollte nun dazu beitragen, dass diese Form des Lebens nur dann geduldet werden könne, wenn die Bewohner vor der Verabschiedung der neuen Regelung bereits so gewohnt hatten. An den Einfallstraßen der Stadt wurden jetzt Wagen, die in die Hansestadt hinein wollten, regelmäßig von der Polizei angehalten, und die Ordnungshüter wiesen deren Besitzer auf die neue Gesetzeslage hin. (6)
Allerdings verstrich noch ein wenig Zeit, bis das Gesetz 1959 in Kraft treten konnte. Mit seiner Hilfe wollte man zwar nur die „unhygienischen Verhältnisse“ abschaffen, die von den rollenden Behausungen ausgegangen seien, doch griff man äußerst radikal durch. So drohten jedem harte Strafen, der mit einem derartigen Gefährt in die Stadt zog, einen Wohnwagen mit oder ohne
Räder aufstellte oder an einem anderen Standort neu aufstellen ließ, in einen frei gewordenen Wagen einzog oder aber auf seinem eigenen Grundstück das Aufstellen von Wohnwagen erlaubte. Alle Wagen, deren Besitzer gegen das Gesetz verstoßen hatten, waren sofort zu beschlagnahmen, und die Bewohner mussten in ein Obdachlosenasyl eingewiesen werden. Eine Ersatzwohnung hatte man für sie nicht vorgesehen. Außerdem wurden Bußgelder in Höhe von 1000 Mark erhoben. Gleichzeitig erfuhr man jetzt, dass die Stadt für neue Plätze 700 000 Mark bereit halten wollte.

 
 

Einem Artikel des Hamburger Abendblattes vom 25. 09.1957 unter dem Titel 'Wohnwagen müssen ins Stellinger Moor - Mitte und Altona räumen bereits die Lagerplätze' ist zu entnehmen, dass die Bezirke Mitte und Altona beschlossen hätten, Hamburg dürfe "nicht länger durch Wohnwagenlager verschandelt werden!" Die Bürgerschaft habe eine Änderung des Wohnwagengesetzes beschlossen, so dass innerstädtische Stadtteile für Wohnwagen gesperrt wurden.
"Erhebliche Schwierigkeiten ergaben sich bereits beim Anlauf der Räumungsaktion in Mitte und Altona. Kaum war eine Verfügung auf einem Lagerplatz ausgehängt, da zogen die Bewohner auf andere Plätze um. Die Räumung konnte auch nur unter Polizeischutz durchgeführt werden. Die Bezirksbeamten wurden bedroht, wenn sie ohne Polizei erschienen. Diese Schwierigkeiten sind jetzt beseitigt worden."
Der Bezirksausschuss Mitte hatte, so der Artikel, auch beschlossen, dass für Schausteller "Ausnahmeregelungen getroffen werden." Sie durften ihre Wohnwagen weiterhin auch im innerstädtischen Bereich abstellen.


Im Hamburger Abendblatt vom 22.07.1959 erschien der Artikel "Hamburg in sechs Monaten frei von Wohnwagenlagern - Ab heute schon Zuzug verboten" über das neue Wohnwagengesetz, mit dem die "unhygienischen Wohnwagenlager" verboten worden seien. Dort heißt es:
"Die wichtigste Bestimmung des Gesetzes: ‚Wohnen in Wohnwagen ist in Hamburg grundsätzlich verboten!‘ Bestraft wird künftig, wer
- Nach Hamburg mit einem Wohnwagen zuzieht,
- Einen Wohnwagen mit oder ohne Räder aufstellt,
- Den Wohnwagen an einem neuen Platz aufstellt,
- In einen freigewordenen Wohnwagen einzieht,
- seinen Wohnwagen vermietet,
- auf seinem Grundstück das Aufstellen eines Wohnwagens erlaubt."
Dem Artikel ist weiterhin zu entnehmen, dass ein Verstoß gegen dieses Gesetz mit der Beschlagnahme der Wohnwagen, Bußgeldern zwischen 150 und 1000 Mark und der Einweisung in ein Obdachlosenasyl bestraft wurde.
Die Bürgerschaft unterstütze zeitgleich zu der Verabschiedung des Wohnwagengesetzes mit 700 000 Mark den Ausbau der neuen Plätze am Stadtrand, in die die vorhandenen Wohnwagen umgesiedelt wurden. "Ab heute halten Peterwagen jeden Wohnwagen an, der die Hamburger Grenze überrollt. Die Polizisten erkundigen sich nach dem Reiseziel, belehren über das neue Gesetz, händigen einen entsprechenden Hinweis aus und lassen sich das bestätigen. Haben die Wohnwagen nicht binnen 48 Stunden das Hamburger Stadtgebiet wieder verlassen, kommt es zur Beschlagnahme und zur Verhängung des Bußgeldes." Diese Regelung gelte nicht für Schausteller, die in Hamburg tätig sind und einen Gewerbeschein besitzen, und für Camping - Anhänger.


Man hatte zwar beabsichtigt, auf den Plätzen Stromanschlüsse zur Verfügung zu stellen, doch erfolgte die Installation im Stellinger Moor zu keiner Zeit. Auf dem neu angelegten Platz am Rondenbarg hingegen, zwischen der welt-bekannten Pianofabrik Steinway und einer gewaltig dimensionierten Mülldeponie, schloss man am 16. Februar 1962 die Wagen an das Stromnetz an.

Das Bemerkenswerteste an diesem neuen Lager war seine unangenehme Lage: durch die Nähe zu einer Müllhalde befand es sich nämlich ständig unter einer übelriechenden Dunstglocke. Doch diese Belästigung nahmen die Bewohner, im Gegensatz zu Fremden, nach einiger Zeit wohl gar nicht mehr wahr.
Es muss ein verzweifelter Versuch der Stadt gewesen sein, ausgerechnet hier einen neuen Platz anzulegen, obwohl doch bereits Pläne bestanden, das Lager im nahen Stellinger Moor gänzlich aufzulösen, da es seit längerem einen negativen Eindruck auf viele Besucher des Volksparkstadions gemacht hatte, die hier ihre Fahrzeuge parkten.

 

 

In einem Artikel vom Hamburger Abendblatt vom 16.2.1962 unter dem Titel Acht Wohnwagenplätze bekommen Stromanschluss heißt es, dass die Wohnwagenplätze in Entenwerder, Rondenbarg, Rugenbarg, Fuhlsbüttler Weg, Ostfalenweg, Bekkamp, Moorfleet und Hörstener Straße, Stromanschluss bekommen sollten, dafür habe die Hamburger Bürgerschaft 218 000 Mark bewilligt. "Auf den acht Plätzen stehen zur Zeit 530 Wohnwagen. Die Benutzungsgebühr soll von 15 auf 20 Mark pro Monat erhöht werden. Dadurch wird man im Jahr 30 000 Mark mehr einnehmen. Die Kosten für die Stromversorgung werden sich also in rund acht Jahren amortisieren."

 

Da aber 145 „Zigeuner“ – man scheute sich damals noch nicht, diesen diskriminierenden Begriff selbst in Zeitungen zu gebrauchen - im Februar 1959 aus Polen nach Hamburg gekommen waren, musste für sie Platz geschaffen werden. Offenbar schienen die Planer am Schreibtisch nicht realisiert zu haben, wohin sie die 145 Männer, Frauen und Kinder gebracht hatten.

 

  Dass 145 "Zigeuner" "vor anderthalb Wochen aus Polen nach Hamburg gekommen sind" ist einem Artikel im Hamburger Abendblatt vom 27.2.1959 unter dem Titel 'Platz für die Zigeuner Die meisten bleiben in Altona / Wohnwagen rollen' zu entnehmen. Die "Zigeuner" sollten, so das Hamburger Abendblatt, in Altona "angesiedelt" werden.
"Für sie soll jetzt im Schnellverfahren der neue Wohnwagenplatz am Rondenbarg hergerichtet werden. Die ersten 70 Zigeuner, alle Mitglieder einer Sippe, erschienen in den letzten Tagen im Bezirksamt Altona."
Der Artikel betont, dass sich die "Zigeuner" "ordnungsgemäß" angemeldet hätten. "Die Entgegennahme der Anmeldung konnte von der Behörde nicht verweigert werden. Denn bereits früher nach Hamburg gekommene Angehörige der Sippe versicherten, dass für alle Zigeuner in Kürze Wohnwagen beschafft würden. ... Diese Wohnwagen sollen zum Lagerplatz am Rondenbarg gebracht werden." Aber, so heißt es weiter in dem Artikel, von den insgesamt zur Zeit 460 Zigeuner, die im Bezirk Altona lebten, habe sich "bisher ein Teil noch nicht beim Bezirksamt gemeldet" .
   

Zur nachträglichen Lagebestimmung des Stellinger Moors

Da einige Fixpunkte im Laufe der Zeit gänzlich entfernt worden sind, fällt es nicht gerade leicht, den Standort des ehemaligen Lagers im Stellinger Moor heute zu bestimmen. Und da alte Straßen vollkommen fehlen – z.B. der Hogenfeldweg am Rande des Parks -, neue aber hinzu gekommen sind und ein gewaltiges Industriegebiet entstand, wird die nachträgliche Orientierung erheblich erschwert. So fehlt der ehemalige Windsberg nun vollkommen – sein wertvoller Kies dürfte in zahlreichen Häusern verbaut worden sein -, und die viel befahrene A 7 trägt auch nicht dazu bei, sich die ehemalige Ruhe und Beschaulichkeit dieses Geländes auch nur im Gedanken ausmalen zu können.
Zu den wenigen Punkten, die immer noch erkennbar sind, gehört zweifellos der Volkspark, sowie ein kleines weißes Haus am Rande des Waldes. Wandert man von hier aus auf einer gedachten Linie in östlicher Richtung weiter, dann würde man nach etwa 200 Metern auf dem damaligen Standort unseres Wagens treffen. Dort ist heute aber die Ausfahrt „Volkspark“.


Lage des Wohnwagenplatzes im Stellinger Moor (1967)
(blau umrahmte Fläche)

Die Region um 1967.

Die Lage der späteren A7 ist in gestrichelter Form eingezeichnet.

 

Das Wohnwagenlager in alten Fotografien

Vor über 50 Jahren hatte keiner von uns im Traume daran gedacht, dass der schäbige Platz für spätere Generationen einmal von Interesse sein könnte. Das Meiste hielten wir deshalb nicht für darstellungswürdig, z.B. die Plumpsklos sowie die erbärmlichen Bretterverhaue, in denen Menschen jahrelang gelebt und Kinder aufgezogen hatten. Und auf jedem Foto musste selbstverständlich eine lächelnde Person oder eine Gruppe von Menschen vom dürftigen Hintergrund ablenken. So auch auf den folgenden Bildern.

 

 

 

Mit der Zucht von Enten, Gänsen und Kaninchen bewiesen viele Bewohner des
Lagers Eigeninitiative. Vater Breuer bereitet gerade das gesammelte Grünzeug für
das Federvieh vor.

© Foto Dieter Rednak

 

 

 

 

 

Mutter Breuer mit ihrem Sohn als Täufling (1959)

© Foto Dieter Rednak

 

 

 

 

 

 

 

Dieter im Jahre 1960. Am rechten Rand des Fotos kann man noch Reste des ehemaligen Windsbergs erkennen. Es zeigt auch deutlich, dass das Stellinger Moor aus einer großen Fläche feinsten Sandes bestand. Im Hintergrund ist eine selbsterrichtete Holzbude zu erkennen, daneben ein ausrangierter Bus, beide dienten als Wohnunterkünfte.

© Foto Dieter Rednak

 

 

 

 

Auch diese Aufnahme unserer Mutter mit dem Kind einer benachbarten Familie auf dem Arm macht deutlich, wie gewaltig die Ausdehnung des Stellinger Moors 1959 war. Im Hintergrund kann man als dunkle Fläche den Volkspark erahnen.

© Foto Dieter Rednak

 

 

 

 

 

 

Teilräumung des Platzes im Sommer 1960

© Foto Dieter Rednak

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Klaus auf einer alten NSU-Quickli (1960). Im Hintergrund die Buden, Wagen und Verschläge des WW-Platzes.

© Foto Dieter Rednak

 

 

 

 

 

 

 

 

Im Inneren unseres Wohnwagens (1959).

© Foto Dieter Rednak

 

 

 

 

Dieter und Andreas beim Musizieren (1960)

© Foto Dieter Rednak

 

 

 

 

 

Das äußere Erscheinungsbild unseres Wohnwagens mit seinen nicht gerade fachmännisch ausgeführten Anbauten war alles andere als beeindruckend. (1960)

© Foto Dieter Rednak

 

 

 

 

 

Mutter und Klaus beim gemeinsamen Musizieren (1960)

© Foto Dieter Rednak

 

 

 

 

 

Klaus beim Musizieren im Wohnwagen (1960). Allein der Wert des Akkordeons überstieg den des Wohnwagens um ein Mehrfaches. Die Bettgestelle sind aus Brettern grob zusammengehauen.

© Foto Dieter Rednak

 

 

 

 

Kindtaufe im Lager. Brigitte mit dem Täufling einer Nachbarsfamilie.
Das Auto zeigt, dass auch auf unserem Platz allmählich der „Wohlstand“, zumindest bei einigen Bewohnern, Einzug gehalten hatte.

© Foto Dieter Rednak

 

 

 

 

 

Kindtaufe im Wohnwagenlager

© Foto Dieter Rednak

 

Beim Betrachten der Fotos wird deutlich, dass die hier dargestellten Menschen keineswegs traurig und verbittert dreinschauten oder gar das Aussehen von verelendeten Menschen oder gar von Gelegenheitsdieben hatten. Nein, die meisten waren ganz normale Durchschnittsmenschen, die auch in jedem anderen Umfeld hätten leben können.
Armut galt am Ende der 50er Jahre noch nicht als besonders große Schande, schließlich hatten viele mit Arbeitslosigkeit, niedrigen Löhnen und fehlendem Wohnraum zu kämpfen. Da wir, ebenso wie andere, versuchten, uns halbwegs sauber zu halten, hätten wir auch aus einer Mietwohnung oder aus einem Einfamilienhaus kommen können.
Das Einkommen unseres Vaters war zwar sehr gering, aber dennoch achtete er stets darauf, dass wir alle eine Musikschule besuchen konnten. In den Zeitungen aber wurden wir, die Bewohner des Lagers, gern als asozial, kriminell oder auch als „Zigeuner“ hingestellt:

 

 

Ein Artikel im Hamburger Abendblatt vom 16.2.1960 'Hamburger Rundblick - Täter gefasst – Bananenfresser – Retter – Reh' widmet sich einem Raubüberfall auf einen 16 Jahre alten Dreherlehrling in der Nähe des Volksparks. "Zwei junge Zigeuner aus dem Stellinger Moor, 13 und 14 Jahre alt, haben zugegeben, ihn um zehn Mark beraubt zu haben, um ins Kino gehen zu können."

Ein weiterer Artikel des Hamburger Abendblattes vom 08.04.1958 unter der Schlagzeile 'Kind schlief im brennenden Wohnwagen' beschreibt ebenfalls einen Diebstahl.
"Während die Eltern von einer Baustelle an der Lederstraße in Stellingen Bretter stahlen, kam in ihrem Wohnwagen im Stellinger Moor ihr vier Monate altes Kind fast ums Leben. Durch einen überheizten Ofen war der hölzerne Wagen in Flammen geraten und brannte aus. Nachbarn konnten das kleine Kind im letzten Moment aus dem brennenden Wagen retten. Es wurde mit einer Rauchvergiftung ins Krankenhaus gebracht. Während die Feuerwehr löschte, nahm eine Peterwagenbesatzung die Eltern wegen Diebstahls auf der Baustelle fest."

 

Die Zeitungen wussten ständig auch Berichte über das ungewöhnliche Verhalten von Sinti und Roma zu bringen, die man damals noch als „Zigeuner“ diffamierte:

 

 

Artikel im Hamburger Abendblatt vom 06.01.1960 unter der Schlagzeile 'Prügel für die junge Nina Krach im Zigeunerlager / ‚Heißer Krieg‘ in der Luft' beschreibt eine junge Frau folgendermaßen: "Sie heißt Nina, ist glutäugig und von blendender Architektur. Ganze 17 Lenze alt." Ihr Ehemann, mit dem sie "nach Zigeunerart", also "ohne Trauschein", verheiratet sei, so das Hamburger Abendblatt, heiße Kola und sei "ein Mann mit lockigem Haar und ungestümem Temperament. Wenn er sich erhitzt, und er tut es leicht, dann knistert es." "Bizets unsterbliche Carmen lebt mitten unter uns. Was sich gestern Abend im Zigeunerlager Rondenbarg in Stellingen abspielte, passt genau zum Refrain aus der Habanera, in dem es so schön heißt: ‚Die Liebe vom Zigeuner stammt, fragt nach Rechten nicht, Gesetz und Macht."
Nina habe mit anderen Männern "techtelmechtelt", Kola habe sie daher krankenhausreif geschlagen. "Danach flüchtete er. Man möchte meinen, dass die Geschichte damit zu Ende sei. Mitnichten! Es droht ein regelrechter Zigeunerkrieg auszubrechen, weil Ninas Brüder beim Abtransport ihrer misshandelten Schwester ins Krankenhaus mithalfen. Das verstößt gegen das Zigeunergesetz." Da die Familie Ninas Racheakte von Familienmitgliedern Kolas befürchtet habe, so ist dem Artikel zu entnehmen, riefen sie den "Peterwagen" und ließen sich evakuieren. "Ihre Frauen und Kinder sind jetzt im Lager Ostfalenweg untergebracht. Zigeunerkenner aber bezweifeln den Wert dieser Maßnahme. Sie rechnen mit einem ‚Heißen Krieg‘ zwischen den Familien Ninas und Kolas."

 

Die Schule am Hellgrundweg

Wie die meisten Kinder, so mussten auch wir nach dem Schulunterricht die Hausaufgaben erledigen. Aus Platzgründen konnte das aber nur am großen Küchentisch geschehen.
Im Sommer 1958 kam es an unserer Schule in der Nähe des Volksparkstadions zu einer interessanten Veränderung: aus ihr wurde nämlich eine „Versuchsschule“ gemacht, d.h. hier entstand die erste Ganztagsschule der Freien und Hansestadt Hamburg, die 2008 ihr 50jähriges Jubiläum feiern konnte.
Viele Eltern, aber auch einige Pädagogen, machten sich damals ernsthaft Gedanken darüber, ob wir die zusätzliche Belastung eines ganztägigen Schul-unterrichts überhaupt ertragen könnten und nicht überfordert würden. (7)
Morgens um 8 Uhr begannen die Schulstunden und setzten sich bis 12 Uhr fort. Danach folgte ein gemeinsames Mittagessen, das noch in den Klassenräumen eingenommen werden musste, da es eine Mensa nicht gab. Nach einer Pause von einer Stunde wurde schließlich der Unterricht um 13 Uhr wieder aufgenommen und endete nachmittags um 16 Uhr. Und da prinzipiell keine Schularbeiten aufgegeben wurden, konnten wir unsere Schultaschen getrost unter unseren Schultischen zurücklassen und hatten den restlichen Nachmittag zur freien Verfügung.

Man hatte damals bewusst die erste Ganztagsschule der Stadt in diesem Teil Hamburgs eingerichtet, weil hier Nissenhütten- und Wohnwagenlager nicht die Ausnahme, sondern die Regel waren. Aus diesem Grunde wussten auch die Lehrer, dass Leistungsschwächen einiger Kinder nicht allein den Schülerinnen und Schülern angelastet werden durften, sondern äußerliche Gründe dafür mitverantwortlich waren. Diese Ursachen wollte man mit Hilfe des ganztägigen Unterrichts zumindest minimieren helfen. Und in der Tat: während wir vorher nur ungern zur Schule gegangen waren und uns hin und wieder freie Tage durch einfaches Schwänzen verschafften, waren wir jetzt kaum noch zu halten, dorthin zu kommen, vor allem dann, wenn der Speiseplan ein leckeres Mittagessen versprach.

Viele Klassenkameraden und –kameradinnen kamen aus dem Nissenhüttenlager an der Volksparkstraße, andere von unserem Wohnwagenplatz im Stellinger Moor. Diejenigen hingegen, die das Glück hatten, in einer Garten-laube mit Wasseranschluss leben zu dürfen, betrachteten wir bereits als
„reich“.

Die Probleme heutiger Schülerinnen und Schüler, immer nur die gerade angesagte Markenkleidung tragen zu müssen, kannten wir zum Glück noch nicht. So war es keineswegs selten, wenn ein Junge in Pantoffeln zur Schule gehen musste, weil das einzige Paar Schuhe, das er besaß, gerade neu besohlt werden musste. Niemand wäre auf die Idee gekommen, in so einer Situation über ihn zu lachen oder gar Witze darüber zu reißen, denn schließlich konnte das jedem von uns passieren.

 

 

Artikel im Hamburger Abendblatt, 05.12.1960 'Die Fünf-Tage-Schule hat ‚Exportchancen‘
Pädagogen von den Hamburger Versuchen beeindruckt
'
"Hamburgs Idee der Fünf-Tage-Schule hat gute ‚Exportchancen‘ für das ganze Bundesgebiet. Das ist der Eindruck, den rund 40 Pädagogen aus den übrigen Bundesländern am Wochenende nach der Besichtigung der beiden Ganztagsschulen am Volkspark (Bahrenfeld) und im Hermannstal (Horn) mit nach Hause nahmen."
Aus dem Artikel geht hervor, dass auf einer Tagung in Hamburg Pädagogen die Erfahrungen mit der Ganztagsschule auswerteten. Die Volksschule am Volkspark habe Ganztagsunterricht bis zum frühen Nachmittag mit Mittagessen in der Schule. Ein Ergebnis der Tagung sei es gewesen, dass "die Schulkinder aus dem benachbarten Volksparklager einen ungewöhnlich freien und selbstsicheren Eindruck machten." Der Ganztagsunterricht auch am Nachmittag wird loben hervorgehoben: "Die Kinder lernen nachmittags im wahrsten Sinne des Wortes ‚spielend‘ Dinge, die sonst im Unterricht ‚gepaukt‘ werden müssen." Das führe auch zu positiven Reaktionen der Eltern: "Keines der fast 300 Kinder in der Schule am Volkspark ist seit Ostern 1958, der Einführung der neuen Schulform, aus Unzufriedenheit mit der Fünf-Tage-Schule abgemeldet worden."

 

Manche Jungen trugen tagein, tagaus den gleichen Trainingsanzug. Und wenn die eine Seite zu schmutzig geworden war, dann wendete man eben die noch saubere linke Seite nach außen.

 

Wohnwagenalltag

Kaum eines der Kinder unserer Schule am Altonaer Volkspark hatte zu Hause ein Badezimmer, ja die Wenigsten von ihnen kannten einen Wasseranschluss in der Wohnung. Aus diesem Grunde sah unser Stundenplan einmal in der Woche im Schulgebäude duschen vor. Eine derart simple Maßnahme entlastete die Familien bereits erheblich.
Am Badetag, das war in unserer Familie gewöhnlich der Freitag, musste zunächst Wasser 150 Meter bis zum Wagen herangeschafft, dann in einem großen Kessel erhitzt und schließlich in eine Badewanne geschüttet werden. Nach dem Baden wurde das verschmutzte Wasser mit Eimern wieder heraus geschöpft und schließlich zu einem 150 Meter entfernten Abfluss gebracht.
Wenn jeder von uns Anspruch auf sauberes, unbenutztes Wasser gestellt hätte, dann müsste dieser Vorgang bei 6 Personen auch 6mal wiederholt werden. Stattdessen gingen wir Kinder nach und nach ins gleiche Wasser, Brigitte, die bereits in einer Fabrik arbeitete, duschte sich dort täglich und unsere Eltern badeten ebenfalls im gemeinsamen Wasser.

Einen elektrisch betriebenen Herd kannten wir ebenso wenig, wie eine Waschmaschine, einen Kühlschrank oder eine Zentralheizung. Wollte man es gemütlich warm haben, dann musste der Ofen, der natürlich auch zum Kochen eingesetzt wurde, den ganzen Tag über brennen. Das mochte an kalten Wintertagen ja noch ganz angenehm gewesen sein; wenn es aber im Sommer 30 Grad heiß war, dann konnte das Kochen am Herd zu einer ziemlichen Belastung werden.
Um Getränke auch an warmen Sommertagen relativ kühl zu halten, legten wir sie in einen mit Wasser gefüllten Eimer. Die Butter aber wurde schnell ranzig, der Käse lief ebenso wie die Wurst an, und Mett oder rohes Gulasch verbrauchte man tunlichst sofort, da es sonst ungenießbar geworden wäre.

Die Große Wäsche einer sechsköpfigen Familie konnte nicht nebenbei per Knopfdruck erledigt werden. Sie wurde noch in einem Kessel auf dem Ofen gekocht, danach in eine Wanne gegeben und dort kam auch das damals übliche Waschbrett zum Einsatz. Nach dem Waschen wurde alles kräftig ausgewrungen und landete schließlich auf einer Leine. Sobald sie trocken war, konnte unsere Mutter sich aber nicht genüsslich zurücklegen und endlich durchatmen: jetzt musste sie die gesamte Wäsche kontrollieren, eventuell vorhandene Risse flicken, Strümpfe stopfen, Knöpfe annähen und Hemden bügeln. Schon aus diesem Grunde war es kaum denkbar, Mütter, die unter derartigen Verhältnissen lebten, mit einer Berufstätigkeit übermäßig zu belasten.

Die gesamte Fläche des Lagers war mit Schotter befestigt. Da sich aber in diesem Material noch brennbare Koksstücke befanden, suchten wir häufig die Wege ab und kamen stets mit gefüllten Eimern zurück.
Äußerlich war der sandige Boden des Stellinger Moors zwar mager, doch wuchsen dort schmackhafte Pilze in rauen Mengen, so z.B. der Birkenpilz oder das Rotkäppchen, der Steinpilz oder auch der in Verruf geratene Krempling, den wir damals noch in großen Mengen aßen, obwohl er heute als giftig bezeichnet wird.

Auf dem Windsberg gab es zahlreiche Kleingartenkolonien, die nach und nach aufgegeben werden mussten, da die Bagger den Berg unerbittlich abtrugen.
Wir nutzten diese Situation aus, schafften in Kübeln und Eimern die nicht mehr gebrauchte Muttererde von dort zu unserem Wagen herab, entnahmen auch Büsche und Bäume und errichteten uns so einen eigenen kleinen, gemütlichen Garten mit Stachel- und Johannisbeersträuchern, mit Gurken, Tomaten- und Rhabarberpflanzen sowie mit bunten Blumenrabatten. Und das Holz der achtlos zertrümmerten Lauben wanderte durch unsere Öfen und sorgte so für eine angenehme Wärme.

Im Lager gab es zwei kleine Lebensmittelgeschäfte, doch konnte man hier nur das Allernötigste erwerben. Gemeinsam mit unserer Mutter begaben wir uns deshalb an jedem Sonnabend zu Fuß zum Großeinkauf zu Kaisers Kaffee, einem frühen Supermarkt am Schulterblatt. Dieser Weg, den wir dabei zweimal zurücklegen mussten, hatte eine geschätzte Länge von jeweils 3 oder 4 Kilometern. Und wenn der Kauf neuer Schuhe anstand, dann marschierten wir noch ein gutes Stück weiter, zu „Schuh Goertz“, direkt am Neuen Pferdemarkt.

In einem Lager wie dem im Stellinger Moor kamen die unterschiedlichsten Qualifikationen und Berufe der Bewohner zusammen. Viele von ihnen nutzten ihr Wissen und Können, um es an die Mitbewohner gewinnbringend weiterzugeben. So gab es Friseure, die ihre Kunstfertigkeit gegen ein geringes Entgelt zur Verfügung stellten. Ein Anderer verfügte über handwerkliche Fähigkeiten und bekam jedes Schloss auf und jedes defekte Fahrrad wieder zum Laufen. Auch er verstand es, seine Fähigkeiten nutzbringend für alle anzubieten. Ein Dritter schließlich nutzte eine ehemalige Regentonne als Räucherofen und garte über einem kleinen Buchenholzfeuer Makrelen, Aale, Heringe und Forellen. Schon der Geruch, der an den Räuchertagen von seinem Wohnwagen ausging, ließ bei uns das Wasser im Munde zusammenlaufen, und wir konnten es gar nicht erwarten, diese Köstlichkeiten noch warm zu probieren.

Das Zusammenleben mit Roma und Sinti bereitete uns keine Schwierigkeiten, da wir einige Jahre zuvor gute Erfahrungen mit dieser Bevölkerungsgruppe gemacht hatten. Gemeinsam mit ihnen wurde gelegentlich musiziert oder mit deren Kindern herumgetobt. Unser damaliges Schulsystem aber sortierte sie brutal aus und schickte die Jungen und Mädchen auf Sonderschulen, so dass kaum eines von ihnen an unsere Versuchsschule gesehen wurde.

Resümee

Das Leben am Rande des Existenzminimums bedeutete für uns nicht, auf Feiern gänzlich zu verzichten oder mit guten Freunden nicht zusammensitzen und gemeinsam essen zu können. Natürlich feierten auch wir im tristen Stellinger Moor, aßen und tranken gemeinsam, unterhielten uns ausgiebig, verstanden es noch, selbst Musik zu machen und freuten uns des Lebens. Es reichte zwar nicht für eine jährliche Urlaubsreise der Familie nach Italien, Spanien oder nach Griechenland, aber man konnte ja auch mit der Straßen- und der Eisenbahn bis in den Sachsenwald fahren und dort einen ganzen Tag fröhlich verbringen. Für ein derartiges Vergnügen standen wir früh auf, nahmen in Einmachgläsern für alle genügend Kartoffelsalat ebenso mit, wie in Flaschen abgefülltes Trink-wasser. Auch das genügte noch zum Glücklich sein.

Doch bei aller Nostalgie darf nicht vergessen werden, dass man die heutige Bequemlichkeit keinesfalls mit den Strapazen der damaligen Zeit tauschen möchte und sollte. Es ist einfach zu verlockend, morgens nur die Heizung in der Wohnung aufzudrehen anstatt erst umständlich einen Kohleofen anzuheizen, ins Bad zu gehen, wann immer man es wünscht, sich zu duschen oder in die Wanne zu legen, anstatt Wasser endlos lange zu schleppen. Die schmutzige Wäsche in die Maschine zu packen ist angenehmer, als sie auf dem Waschbrett zu rubbeln, und ein Kühlschrank ist ebenso wenig aus unserem Leben mehr wegzudenken, wie ein Telefon, ein Computer, ein Auto oder eine Krankenversicherung, die wir übrigens auch nicht hatten.

Und dennoch bin ich dankbar dafür, eine Kindheit erlebt zu haben, die dem vorvergangenen Jahrhundert deutlich näher stand als unserer heutigen Zeit.

Dieter Rednak

 

Anmerkungen

1 Vgl. hierzu: Dieter Rednak, „Sieben zu ´ner Mark“. Das Leben des Postkartenhändlers Alois Rednak.
In: Zitronenjette. Das Magazin für Hamburg. Hamburg 1997, Nr. 1, S. 18 – 20

2 Vgl. hierzu: Anke Schulz: Hamburger Zwangsarbeiterlager in der Lederstraße 1939 – 1945. Aachen 2010,
S. 43 ff sowie Rudko Kawczynski: Hamburg soll „zigeunerfrei“ werden. In: Angelika Ebbinghausen u.a., Heilen
und Vernichten im Mustergau Hamburg. Bevölkerungs- und Gesundheitspolitik im Dritten Reich. Hamburg 1984, S. 45 – 53

3 Vgl. hierzu: o. V.,: Hamburg in sechs Monaten frei von Wohnwagenlagern.
Ab heute schon Zuzug verboten. In: Hamburger Abendblatt vom 22. 09.1959

4 o.V., Wohnwagen müssen ins Stellinger Moor. Mitte und Altona räumen
bereits die Lagerplätze. In: Hamburger Abendblatt vom 25.09.1957

5 Vgl.: oV., Ortsausschuss warnt vor Slums. In: Hamburger Abendblatt vom 12.06.1958

6 Vgl.: o. V., Gegen Wohnwagenübel. In: Hamburger Abendblatt vom
16.05.1959, sowie: Vorrang für Neues Gesetz/ 145 Zigeuner kamen aus Polen.
Wohnen im Wohnwagen ist grundsätzlich verboten. 27.2.1959

7 Vgl.: o.V., Die Fünf-Tage-Schule hat Exportchancen. Pädagogen von den Hamburger Versuchen beeindruckt.
In: Hamburger Abendblatt vom 05.12.1960

 

 
 

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