© Anke Schulz

Kinderarbeit und das Recht auf Bildung

Kindheit in den 30er Jahren
 
Viele heute noch lebende alte  Luruperinnen und Luruper  verlebten ihre Kindheit und Jugend in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts, und so beschreiben viele Zeitzeugen den Luruper Raum der 20er und 30er Jahre vor allem aus Kindersicht. Ihre Kindheitserinnerungen zeigen das alte Lurup auch als ein schönes Spielland ganz ohne Autos mit vielen Entfaltungsmöglichkeiten für Sinne und Neugierde. Mag sein, dass da auch rückblickende Idealisierung mitschwingt, aber wenn man sich vor Augen hält, dass heute in Lurup Kinder und Jugendliche zunehmend mit der Versiegelung von Freiflächen und der alltäglichen Lebensgefahr durch das Auto konfrontiert werden, kann man sich schon vorstellen, dass es für die Kinder und Jugendlichen in den 20er 30er Jahren toll gewesen sein muss, viel Wildnis zum Spielen vorzufinden, auf Spielstraßen, auf denen praktisch keine Autos fuhren, über Pfützen zu hüpfen, Kibbel Kabbel oder Trudelreifen zu spielen und in den Kiesgruben Spielhäuser, Sandburgen und Fantasieradioapparate aus alten Blechteilen zu bauen (wer diese alten Kinderspiele nicht mehr kennt oder alte Erinnerungen auffrischen möchte, dem empfehle ich einen Gang in das Altonaer Museum, das eigens eine Vitrine eingerichtet hat über alte Kinderspiele und ihre Spielregeln und Utensilien). Nicht nur die Jungs badeten in den Moorlöchern und fingen Frösche und Stichlinge oder spielten im Wäldchen Schlagball. Wahrscheinlich haben die Erwachsenen damals diese Situation völlig anders bewertet, immer wieder kam es zu Unfällen, vor allen in den Kiesgruben, in denen Kinder durch Hangrutsch oder durch Industriemüll wie Blechembalagen und Glasscherben lebensgefährlich verletzt wurden. In einer Kiesgrube in der Damaschkestraße (heute Farnhornweg) erlag ein Junge seinen Verletzungen, die er sich durch Glasscherben zugezogen hatte. Vor allem die beiden Gruben im Böversland waren lebensgefährlich, eine dieser Gruben hatte aus diesem Grunde eine Grubenaufsicht, zwei Familien, die kostengünstig am Rande wohnen konnten, sorgten dafür, dass die Kinder sich selbst nicht gefährdeten. Weitere Infos zur Umweltgeschichte gibt es hier. Interessant sind auch das Schulmuseum und das Kindermuseum im Osdorfer Born.

Kinderarbeit

Nicht alle Kinder konnten die ganze Zeit unbeschwert spielen. Viele Kinder mussten arbeiten, um den Familienunterhalt zu sichern. Die vielen kleinen Ladengeschäfte, die Bäcker, Händler für Kolonialwaren, Tante Emma Läden, waren in der Regel Familienbetriebe. Die Händler konnten nur überleben, weil die gesamte Familie, darunter auch die Kinder, mitarbeiteten.Auch in der Landwirtschaft war es üblich, dass die Kinder auf dem Feld mit anpackten. Kinder arbeiteten auch für andere Kinder. So konnten die Schulkinder in den Pausen auf dem Schulhof Milch kaufen, die von dem Händler Kleinworth geliefert wurde. Die Söhne Kleinworths, selbst noch Kinder, mussten jeden morgen die Milchflaschen erwärmen und zur Schule bringen. Kinderarbeit war bis in die 50er Jahre selbstverständlich.

Die Kinder der Arbeiterfamilien, die in den Kleingärten oder den 'wilden' Fischkistensiedlungen lebten, sammelten z.B. Altmetall oder Papier, hüteten Gänse oder verkauften Produkte aus dem Garten. Das war seit Generationen so üblich gewesen. Im 19. Jahrhundert arbeiteten Arbeiterkinder in den Fabriken und Bergwerken.

Viele Siedler in den Arbeitslosensiedlungen kamen von weit her, hatten einen Migrationshintergrund, wie wir heute sagen würden. Mein Großvater stammte aus der Region um Augsburg und Donauwörth, sein Vater war Scherenschleifer gewesen. Weitere Familienangehörige lebten in der Schweiz. Vermutlich gehörten sie zu der Volksgruppe der Jenischen, die in Augsburg die Mehrzahl der Scherenschleifer ausmachten, zumindest fällt auf, dass mehrere Familienangehörige eine nicht-sesshafte Lebensweise bevorzugten.. Die Jenischen waren fahrendes Volk, lebten in Wohnwagen und zogen von Dorf zu Dorf. Viele wurden Schausteller, verdingten sich als Artisten beim Zirkus. Früh Waise, musste mein Großvater bereits als 11jähriger in einer Fabrik arbeiten. Vielleicht ist es seiner Schwester Laura, die bereits mit fünfzehn Jahren als Artistin beim Zirkus Sarrasani ein Auskommen finden konnte, zu verdanken, dass dieses Foto gemacht werden konnte, das den kleinen Ernst neben anderen Kindern bei der Arbeit in einer Bonbonfabrik in Donauwörth zeigt:


Kinderarbeit in einer Bonbonfabrik in Donauwörth ca. 1911

© Foto Ursula und Anke Schulz

 
Vielleicht die Fotografen:

© Foto Ursula und Anke Schulz

Auch eine Form von Kinderarbeit: Die Artistentruppe Laurita, Asita und Bernhardo beim Zirkus Sarrasani, vermutlich aus der Volksgruppe der Jenischen, die oft in Hamburg gastierten und in Lurup zu Gast waren. Asita, die Tochter der Artisten, musste schon als Vorschulkind mit auf die Bühne. Sie gingen nach dem 2. Weltkrieg zum Zirkus Barum, einige Familienmitglieder wanderten nach Südafrika aus, vermutlich Kapstadt. Ihnen verdanke ich die Fotos über die Siedlungsgeschichte meiner Großeltern.

 

Mein Großvater hatte keine Chance, eine Berufsausbildung abzuschließen, der 14jährige Ernst arbeitete als Hirte in Italien, wurde als illegaler Einwanderer verhaftet und ausgewiesen, spielte auf Jahrmärkten Mandoline und träumte davon, nach Kanada auszuwandern. Er tippelte deshalb zu Fuß nach Hamburg. Auf St. Pauli verliebte er sich in ein Dienstmädchen aus Dömitz und blieb. Die beiden siedelten erst in einem ausrangierten Straßenbahnwagen und errichteten dann in Lurup aus Abbruchmaterialien ein Kistenhaus. Sie gaben ihr Schicksal, bereits als Kind schwer arbeiten zu müssen, an ihre Kinder weiter. Ihre zweitälteste Tochter, meine Mutter, musste mit einer zweirädrigen selbstgebauten Karre aus Autoreifen und Kisten täglich nach der Schule Viehfutter zur Kaserne in Bahrenfeld bringen, das waren etwa 8 km hin und zurück. Manchmal begleitete sie ein Ziehhund, aber meist musste sie das schwere Gefährt selber ziehen. Das kleine Mädchen trug Altkleider, Mütze und Mantel hatte ihr Vater Ernst Riemenschneider gegen Punkte einer Kleiderkarte getauscht und dabei noch Lebensmittel und Baumaterialien organisieren können. Aber das Kind schämte sich in der Kleidung, alle konnten sehen, wie bitter arm die Familie war. Das Kind litt wegen der schweren Arbeit an Wachstumsstörungen, das Skelett konnte nicht richtig auswachsen. Die erwachsene Frau quälte sich mit den gesundheitlichen Folgen ein Leben lang herum.

Kinderarbeit, das hieß für die Kinder aus den Arbeitslosensiedlungen und den Landwirten vor allem Mitarbeit auf dem Grundstück, Mithelfen beim Schlachten der Tiere, bei der Ernte, beim Einkochen von Wurst, Gemüse und Obst. Das waren Arbeiten wie Einmachen für den Winter, Seife kochen, Schafe scheren, Hühner schlachten, aus geschlachteten Schweinen Wurst machen, Wein ansetzen, Schafwolle spinnen und verarbeiten, aus aufgeröppelten Zuckersäcken Pullover stricken, aus Fesselballonstoff Mäntel nähen. Aber anders als viele Menschen in der Stadt mussten die Familien, die Selbstversorgung betreiben konnten, nicht Hunger leiden.

Die Gesellschaft war im Umbruch, die Geschlechterrollen änderten sich, die Arbeiterbewegung eröffnete mit einem neue Kulturverständnis auch den Menschen aus den untersten sozialen Schichten neue Perspektiven. Hatten meine Großeltern keinen Beruf erlernen können, emanzipierte sich meine Mutter als Sechszehnjährige vom Willen des Vaters. Der war, wie damals auch unter Sozialdemokraten allgemein üblich, der Meinung, dass die Tochter ja doch heiraten würde. Aber die junge Frau erlernte einen Beruf. Trotz der harten Arbeit, die sie täglich neben der Schule hatte verrichten müssen, waren ihre schulischen Leistungen ausreichend gut gewesen. Sie schloss ihre Lehre erfolgreich ab und wurde Buchhalterin. Später, in den 80er Jahren, als Folge der Bildungspolitik der 70er, konnte ich den sehnlichsten Wunsch meiner Vorfahren in die Tat umsetzen: das Abitur erlangen und ein Hochschulstudium abschließen. Viele meiner Klassenkameraden kamen aus Arbeiterfamilien.

Heute ist es für viele Kinder aus den unteren sozialen Schichten sehr schwer, einen guten Schulabschluss zu erreichen. Die Zahl der Arbeiterkinder, die ein Studium abschließen, ist rückläufig. Die Schere zwischen Arm und Reich klafft immer weiter auseinander. Ich möchte die Kinder aus Migrantenfamilien, Kinder der Sinti, Roma und Jenischen, die Kinder aus den unteren sozialen Schichten ermutigen, nicht aufzugeben, zu kämpfen, sich ihr Recht auf Bildung zu erstreiten. Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass Kinder aus Arbeiterfamilien mit Diskriminierung an den Schulen und Universitäten rechnen müssen. Gebt nicht auf! Lasst Euch das Recht auf Teilhabe am gesellschaftlichen Reichtum nicht nehmen! Seid kreativ! Lernt selbstbewusst und selbstbestimmt! Tipps? Siehe http://www.arbeiterkind.de/

 

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